Unter Tage

 

Die Zahn­bürste summte. Mein Kon­ter­fei sah mich mit aus­ge­beul­ten Wan­gen aus dem Spie­gel an. Gelang­weilt. Müde. Ich hatte den Blick abge­wen­det. Die Mund­hy­giene an sich ver­folgte ich nicht wei­ter. Wie bei vie­len ande­ren All­tags­din­gen hat­ten Auto­ma­tis­men Aus­füh­rung und Auf­sicht über­nom­men.
Ob das besagte Unbe­wusste diese Vor­gänge spei­chert, lässt sich wohl kaum ergrün­den. Zumin­dest konnte ich mich nicht an das Zäh­ne­put­zen ver­gan­ge­ner Tage erin­nern. Das betraf nicht nur das Zäh­ne­put­zen. Im Grunde machte ich immer mehr Dinge ein­fach so. Ein rou­ti­nier­tes Leben. Ein selbst­ver­ges­se­nes Leben. Wahr­schein­lich basiert dar­auf das Gefühl, dass mit zuneh­men­dem Alter die Zeit schnel­ler ver­geht, und gewiss auch das Glück, es zu ver­ges­sen, bevor man resi­gniert.
Mein Blick blieb an der Decke unse­res Bade­zim­mers haf­ten. Zwi­schen zwei Halo­gen­lam­pen klaffte eine offene Stelle, ein Loch. Wir hat­ten zur Instal­la­tion der Decken­be­leuch­tung den Gips auf­ge­bohrt und nicht wie­der ver­spach­telt. Die All­tags­rou­tine hatte es aus mei­nem Bewusst­sein ver­drängt. Jetzt tauchte es auf mei­nem Bild­schirm wie­der auf und drohte meine Auf­merk­sam­keit und mich auf­zu­sau­gen.
Den Man­tel des Ver­ges­sens, den Über­wurf der Rou­tine, hatte es als ers­tes ver­schluckt. Die wohl­ver­dräng­ten Gedan­ken hat­ten schein­bar nur dar­auf gewar­tet. Unver­hoh­len nah­men sie in mei­nem Bewusst­sein Platz. Das Loch war ihr Kon­text.
Alles Exis­ten­ti­elle im mensch­li­chen Dasein ist begrenzt und um Gren­zen zu über­win­den, muss man sie löchern. Und das erste, was wir dabei ler­nen, ist, dass es dahin­ter etwas gibt. Gren­zen zu über­win­den, heißt die Mär vom Nichts zu entlarven.

Es war schon ein mul­mi­ges Gefühl, als ich am 16. Februar in Mer­kers gegen Neun den För­der­korb betrat. Ich war der Erste. Wie viele mir folg­ten, weiß ich nicht genau, doch der Käfig war voll.
Dann war es dun­kel. Das Gat­ter ratschte ins Schloss und abwärts. Ohren­sau­sen. Sanfte Lan­dung. 500 Meter in knapp andert­halb Minu­ten.
Wei­ter ging‘s auf einem Prit­schen­wa­gen. Fest­hal­ten war ange­sagt. Wenn ich das Gekrei­sche rich­tig inter­pre­tiere, hat­ten alle ihre Freude wäh­rend der Tour. Nach eine paar Minu­ten war es jedoch vor­bei.
Beim Anblick des soge­nann­ten Groß­bun­kers konnte ich mir ein spon­ta­nes „Boah“ nicht ver­knei­fen. Die Höhle maß ca. 250 Meter in der Länge, war über 20 Meter breit und über 15 Meter hoch. Ein­gangs stand ein rie­si­ger Schau­fel­rad­bag­ger, das ulti­ma­tive Hin­ter­grund­mo­tiv fürs Erin­ne­rungs­foto.
Ich konnte mir gut vor­stel­len, dass die Grotte ein aus­ge­zeich­ne­ter Ort für feine, laute Musik ist und nahm mir vor, das bei­zei­ten zu über­prü­fen.
Doch heute woll­ten wir hier lau­fen. Micha, Hen­ning und ich hat­ten uns für den Hal­ben gemel­det. Außer­dem war Elke mit dabei. Sup­port ist immer gut.
Ins­ge­samt waren 425 Läu­fe­rin­nen und Läu­fer mit dem ent­spre­chen­den Anhang ein­ge­fah­ren. Die Bude war voll.

 

Die Idee der Exis­tenz vom Nichts ist im Grunde ein Para­do­xon, denn wäre Nichts exis­tent, wäre es ja nicht nichts. Trotz­dem ist diese Vor­stel­lung gesell­schafts­fä­hig. Man­che Men­schen sind der Mei­nung, dass sie an nichts glau­ben oder geben unbe­küm­mert zu, dass sie nichts wis­sen. Andere wie­derum emp­fin­den nichts, was angeb­lich nichts macht. Bis­wei­len gip­felt die Nichts-Idealisierung in der Auf­fas­sung vor bzw. nach unse­rem Hier– und Dasein wären wir nichts. Die Mög­lich­keit in einem ima­gi­nä­ren Nichts zu ver­schwin­den halte ich unter gewis­sen Ein­flüs­sen viel­leicht noch für denk­bar, aber aus dem Nichts ent­stan­den zu sein, ist mir dann doch etwas zu wun­der­gläu­big. Mut­ter, ich zweifle nicht!
Doch warum erscheint diese Nichts-Frömmelei so ver­füh­re­risch? Ganz ein­fach, sie befreit von Skru­pel und recht­fer­tigt Ego­is­mus und Gleich­gül­tig­keit.
Das war ein­leuch­tend! Von der Genia­li­tät mei­ner Schluss­fol­ge­rung beein­druckt, erschien mir die Ent­de­ckung der Welt­for­mel nun nur noch eine Frage der Zeit.

 

Zwei Run­den hatte ich bewäl­tigt. Zwei­mal 3,25 Kilo­me­ter auf unebe­nem, stei­ni­gem Unter­grund. Mit Höhen­un­ter­schie­den hatte ich in der Tiefe nicht gerech­net. Weit gefehlt! Pro Runde waren über 50 Höhen­me­ter zu bewäl­ti­gen. Mit Fahr­rad­helm und Stirn­lampe. Bei ca. 20 Grad Cel­sius und 30 Pro­zent Luft­feuch­tig­keit. Mir war, als ziehe ich mir die Abluft eines Staub­sau­gers in die Lun­gen.
Meine Lauf­kum­pels hatte ich aus den Augen ver­lo­ren, das heißt sie waren mir ent­eilt. Die Rah­men­be­din­gun­gen waren das eine, das andere war meine Win­ter­plautze. Das Übli­che: Rast ist Mast!

 

Die Vor­stel­lung, eine Welt­for­mel zu fin­den, hielt sich nicht lange. Sie ver­schwand aus mei­nen Gedan­ken wie das Loch an der Decke mei­nes Bade­zim­mers. Es war mir egal. Es machte mir nichts aus. Ego­is­mus und Gleich­gül­tig­keit?
Da macht man sich Gedan­ken über die Grund­feste des Uni­ver­sums, hat end­lich das Gefühl, auf dem rich­ti­gen Weg zu sein, und – Kawumm! – pro­fane Befind­lich­kei­ten beherr­schen das Bewusstsein.

 

Die lange Schräge vorm Run­den­ende wurde schein­bar immer län­ger. Noch vier! Im Start-Ziel-Bereich hatte sich Elke mit rot-weißen Puscheln auf­ge­baut. Was für eine Freude. Wei­ter!
Mein gro­ßer rech­ter Zeh wurde warm, sehr warm. Ein klei­ner, spit­zer Kie­sel­stein hatte sich schein­bar in die Spitze mei­nes Lauf­schuhs geschmug­gelt. Ich ver­stand die War­nung, doch mein Über-Ich befahl: Weiterlaufen!

 

Unser Kör­per ist ein Wun­der­werk. Eben hatte mich noch mein gro­ßer Zeh ver­ein­nahmt und schon beschäf­tigte mich das Ver­hält­nis von Loch und Nichts. Wäh­rend ich an der Unter-Tage-Toilette vor­bei­lief, spran­gen meine Gedan­ken wei­ter auf interne Ermitt­lung.
Fast andert­halb Jahre hatte das Thü­rin­ger LKA den Dieb­stahl von Klo­pa­pier von der haus­ei­ge­nen Toi­lette unter­sucht. Mit Über­wa­chungs­ka­me­ras, Waren­si­che­rungs­eti­ket­ten und Detek­tor­schleuse.
Zudem wurde ein Staats­schüt­zer mit der Aus­wer­tung der Bän­der beauf­tragt und die Erfur­ter Staats­an­walt­schaft ein­ge­schal­tet. Doch alle Mühe war ver­ge­bens. Am 7. Februar 2012 wurde die Akte geschlos­sen.
Rück­bli­ckend erschei­nen mir zwei Fälle vor­stell­bar. Ent­we­der ver­sorgte sich ein Staats­be­am­ter auf diese Weise mit dem Not­dürf­ti­gen oder ver­ruchte kri­mi­nelle Ele­mente dran­gen in die Behörde ein, um sich diverse Papiere zu ver­schaf­fen. So oder so, die Bedro­hung der inne­ren Sicher­heit war ekla­tant und die sys­te­ma­ti­sche Straf­ver­fol­gung die adäquate Reak­tion. Zumin­dest für Wer­ner J. und seine Mit­ar­bei­ter. Dass zu kei­ner Zeit die hygie­ni­sche Ver­sor­gung der Staats­schüt­zer gefähr­det war, blieb auf­grund des Ermes­sen­spiel­raums des LKA-Chefs ohne Belang.

 

Blin­der Gehor­sam trieb mich in Runde fünf. Mitt­ler­weile hatte ich das Gefühl, meine Fuß­bet­ten wären mit schar­fen Kie­sel gefüt­tert. Jeder Schritt war eine Offen­ba­rung. Wie bescheu­ert war ich eigent­lich, einen Dau­er­lauf durch die­ses Höl­len­loch zu machen? Was heißt einen? Sie­ben!
Der Gedanke an Herr J. lenkte mich ein wenig ab. Was muss man eigent­lich im Kopf haben, um auf die Idee zu kom­men, wegen ein paar Klo­pa­pier­rol­len den Staats­schutz ein­zu­schal­ten, inklu­sive Obser­vie­rungs­tech­nik für 3000 Euro (vgl. www.mdr.de, 05. März 2013)?
Ich war kurz geneigt, „Nichts“ zu ant­wor­ten. Doch Nichts gibt es ja nicht. Auch ein Loch, und wenn es noch so groß wäre, würde diese Absur­di­tät nicht erklä­ren. Herr J. hat wahr­schein­lich nur eins im Kopf. Des­halb hat ihn auch der Ver­lust des Toi­let­ten­pa­piers in sei­ner Behörde so ver­stört. Er brauchte es, um sei­nen Mund abzu­put­zen, wenn ihm seine über­schwap­pen­den Gedan­ken über die Lip­pen kom­men. Da rei­chen Papier­ta­schen­tü­cher nicht.

 

Das ist nicht mein Stil! Ich ermahnte mich, die Con­ten­ance zu bewah­ren. Doch sobald ich mich geis­tig von Herr J. dis­tan­zierte, wurde mir meine miss­li­che Lage bewusst. Meine Fuß­soh­len brann­ten. Der fel­sige Unter­grund hatte sich in mei­ner Vor­stel­lung in glü­hende Koh­len ver­wan­delt.
Der Schmerz ist dein Freund! Eine Flos­kel ist immer!
Meine Selbst­ge­sprä­che hat­ten auch schon mal mehr Niveau. Mit mei­ner Kon­di­tion war es gleich­wohl nicht mehr weit her. Ich hatte die Schnauze gestri­chen voll. Gott sei Dank nicht mit dem Gedan­ken­gut unse­res obers­ten Staatsschützers.

 

Ich war in die vor­letzte Runde ein­ge­bo­gen. Elke hatte mir ein Lächeln abge­run­gen. Zum Zurück­pu­scheln fehlte mir jedoch der nötige Schwung. Die Ver­sor­gungs­stel­len nutze ich für Geh­pau­sen. Indes hatte mich Micha über­run­det.
Auch die größte Null ist mehr als nichts, ver­suchte ich mich zu moti­vier­ten. Gut, das mit der größ­ten Null war anma­ßend.
Ich lief wei­ter. Die Grotte, die ich ein­gangs noch stau­nend betrach­tet hatte, nahm zuneh­mend den Charme einer Auto­bahn­groß­bau­stelle an. Außer­dem wurde die Stre­cke einsamer.

 

Die Agen­ten des LKA hat­ten mich beim Klo­pa­pier­klauen gefilmt. End­lich ein Ver­däch­ti­ger. Mein Name ging durch die Presse.
Das Ver­hör war recht ein­sei­tig. Wie­der und wie­der war­fen sie mir die Heim­tü­cke mei­ner Tat vor, ver­wie­sen auf Nach­ah­mer und Tritt­brett­fah­rer und das ram­po­nierte Anse­hen der Bun­des­re­pu­blik. Der LKA-Chef war beson­ders sauer, er war der Mei­nung, ich hätte ihn lächer­lich gemacht. Er wäre gezwun­gen die­ses Ver­bre­chen zu ver­fol­gen. Der Mehr­heit der Zivil­be­völ­ke­rung würde es an der not­wen­di­gen Sach­kennt­nis und Weit­sicht feh­len. Ihm vor­zu­wer­fen, er hätte in die­sem Fall über­zo­gen rea­giert, hat ihn tief getrof­fen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
„Wer schweigt, ver­birgt etwas!“ grinste mich ein Ver­hör­ex­perte mit Stop­pel­haar­schnitt und Horn­brille an.
Nichts zu sagen, geht also auch nicht. Dafür redete mir J. ein Loch ins Ohr. Nein, ich wurde nicht gefoltert.

 

Die letzte Runde – bzw. der letzte Kilo­me­ter – ist immer etwas Beson­de­res. Sie – bzw. er – ist dop­pelt so lang, Stei­gung und Gefälle sind stei­ler und am Ende steht ein Glas Bier. Ich hatte meine Zwi­schen­zeit gese­hen. Hoch­rech­nun­gen waren nicht nötig. Zeit ist relativ.

 

Manch­mal würde man sich viel lie­ber für eine andere Hölle ent­schei­den. Als ob man die Wahl hätte. Klar, wäre ich stolz, wenn in mei­ner Vita ste­hen würde, dass ich das LKA Thü­rin­gen fast zwei Jahre beschäf­tigt hätte, indem ich ein Paar Rol­len Toi­let­ten­pa­pier – sagen wir ‘s pro­fan – mit­ge­hen gelas­sen hätte. Ich will gar nicht wei­ter spin­nen. Ist nicht!
Aber, dass ich im Loch Mer­kers wäh­rend der letz­ten Runde über glü­hende Koh­len gelau­fen bin, ist die Wahr­heit. Es war die Hölle. Bezeu­gen kann das kei­ner, die ande­ren waren schließ­lich alle schon im Ziel. Nur ein paar Mara­thon­läu­fer husch­ten hin und wie­der an mir vor­bei. Aber die waren mit sich beschäf­tigt. Ich glaube kaum, dass sich einer an mich erinnert.

 

Es war schon ein Genuss, als ich mir nach der Ziel­an­kunft die Lauf­schuhe abstreifte. Hen­ning hatte mir ein Bier gereicht. Elke und Micha brach­ten mir Kuchen.
Die Schmer­zen waren erstaun­lich schnell abge­klun­gen. Erfreu­lich. Ich saß im Kreise mei­ner Freunde, quas­selnd und fei­xend. Den Blechor­den, den sie mir im Ziel umge­hängt hat­ten, ließ ich wie ein Kom­bo­loi durch meine Fin­ger glei­ten. Ich über­legte kurz, eine Rolle Toi­let­ten­pa­pier zu klauen.

 

Das Loch an unse­rer Bade­zim­mer­de­cke gibt es nicht mehr. Ich habe es ver­spach­telt, geschlif­fen, tape­ziert und gestri­chen. Bald wird sich kei­ner mehr daran erin­nern, als wäre es nie dage­we­sen. Eine Hei­den­ar­beit für nichts.
Nein, für die Katz! Nein, das geht zu weit! Aus jetzt!

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