Der Fluch von Krakau

 

Mein Auf­wärm­pro­gramm?“ Ich ahnte es, seit ich laufe: Irgend­wann steht irgend­je­mand vor mir und fragt nach mei­ner Mara­thon­vor­be­rei­tung. Doch irgend­wie hatte ich mir das anders vor­ge­stellt: Ehrfürchtiger.

Mara­thon lau­fen ist eigent­lich nichts Beson­de­res. Stän­dig begegne ich Leu­ten, die mir, sobald sie etwas von mei­nem Lauf­le­ben erfah­ren hat­ten, von ihrem Lauf­le­ben berich­ten. Meis­tens sind es Män­ner, eigent­lich immer, und meis­tens, eigent­lich immer, lie­fen sie den Mara­thon unter vier Stun­den fünf­zehn. Und meis­tens, eigent­lich immer, fan­den sie, dass das nicht der Rede wert sei.

Ich konnte dann nie umhin, ihnen dar­zu­le­gen, dass meine Mara­thon­läufe durch­weg über eine Stunde län­ger dau­er­ten. Dann war ich der Genie­ßer, der wohl zwi­schen­durch mal schnell auf ein Bier­chen ver­schwin­det oder den Damen auf den Hin­tern schielt, statt ernst­haft zu laufen.

Dies­mal begann es nicht viel anders. Ich hatte mich mit Kaf­fee­ast in einem Erfur­ter Stra­ßen­café fest­ge­setzt und in einem ange­sag­ten Lauf­ma­ga­zin geschmökert.

Frei?“, „Hm.“, „Du läufst?“, „Hm.“

Gut, zunächst war ich schon etwas geschweif­we­delt. Doch bereits nach kur­zer Zeit hatte mein Gegen­über auf „Basics des Lauf­trai­nings“ umgeschaltet.

Jochen, wie er sich nannte, war ca. 40 Jahre. Er maß in etwa eins sieb­zig. Seine Augen­braue reichte von der lin­ken bis zur rech­ten Schläfe. Ein schma­ler raben­schwar­zer Pelz. Dar­über stemmte sich eine glän­zende wuch­tige Stirn und dar­un­ter zuck­ten kleine dun­kel­braune Augen. Auf sein Gewicht brauchte man ihn nicht anzu­spre­chen, er hätte nur erha­ben über die Frage geschmunzelt.

Wäh­rend Jochen gerade über die Erman­ge­lung mei­nes Auf­wärm­pro­gramms lamen­tierte, hatte ich ihn ins Wort redend erklärt, dass ich es nicht für eine Schande hielte, wenn man einen Teil der Stre­cke gehen würde.

Kurz­zei­tig hatte ich den Ein­druck, er würde mich in den Todes­trakt von Texas wün­schen. Doch er ent­schied sich anders. Er hatte sich mit dem Zei­ge­fin­ger voran über den Tisch gebeugt:

Du, ich will dir mal eins sagen!“

Und das machte er aus­führ­lich. Jochen war pas­sio­nier­ter Mara­thon­läu­fer. Frü­her lief er regel­mä­ßig, zur­zeit musste er jedoch seine Lei­den­schaft aus beruf­li­chen Grün­den hint­an­stel­len. Er hatte alle gro­ßen Volks­läufe in Deutsch­land und einige in den benach­bar­ten Län­dern bestrit­ten. Seine Best­zeit 3:57:32 2011 in Rom.

Jochen sagte, er wisse was Quä­le­rei heißt, doch auf­ge­ben wäre für ihn nie eine Option gewe­sen, und zwi­schen­zeit­li­ches Gehen sei schließ­lich nichts anderes.

Wäh­rend meine Lauf­leis­tun­gen sonst mit groß­mü­ti­gem Lächeln bedacht wur­den, sprach mir Jochen alle Mara­thoneh­ren ab. Letzt­end­lich solle ich es ihm nicht ver­übeln, aber es sei doch Anma­ßung, wenn nicht sogar Betrug, lau­fen und gehen zu ver­men­gen, nur um sich als Mara­thon­fi­nis­her zu brüs­ten. Ich solle doch ein­mal an all die ehr­li­chen Durch­läu­fer den­ken, die über Monate hin­weg mehr­mals die Woche hart trai­nie­ren, um sich im Lauf­schritt über die berühmte Dis­tanz zu quälen.

Kurz sin­nierte ich dar­über, ob ich nun, des Rege­ne­ra­ti­ons­do­pings über­führt, meine Finisher-Medaillen zurück­ge­ben sollte.

 

Mara­thon­wunsch­wet­ter. In der Nacht hatte es aus­gie­big gereg­net. Klare Luft. Ca. 12 Grad. Leich­ter Wind. Die Kulisse ein Träum­chen. Wir hat­ten den Kra­kauer Markt gequert und lie­fen am Schloss vor­bei die Grodzka ent­lang. Wir schwatz­ten hin und wie­der, guck­ten und liefen.

André hatte mich in den Wind­schat­ten genom­men. Feine Geste, obwohl … Gut, wir hatte das Meiste noch vor uns und André war mir gegen­über kon­sti­tu­tio­nell und kon­di­tio­nell im Vor­teil. Fünf­zehn Kilo Dif­fe­renz. Fragen?

Seit Beginn hat­ten wir die 4:30-Hasen in Sicht­weite, wobei sie sich lang­sam aus unse­rem Blick­feld ent­fern­ten. Unbe­ach­tet. Bei Kilo­me­ter sech­zehn irgend­was kam uns ein Läu­fer ent­ge­gen. Hand­zei­chen aus Rou­tine. Wir  waren in Jog­ging­stim­mung. (Es han­delte sich um Patryk Nian­gero, den Gewin­ner des Cra­co­via Mara­tons 2013.) Doch lang­sam machte sich Ver­druss bei mir bemerkbar.

Wir trab­ten die Aleja Pokoju ent­lang, eine der klas­si­schen urba­nen Magis­tra­len, die die Kra­kauer Innen­stadt mit dem Plat­ten­bau­ge­biet Nowa Huta ver­bin­det. Auf der Gegen­rich­tung kam uns das Haupt­feld ent­ge­gen. Der Wen­de­punkte war außer Sicht­weite und wir konn­ten weit sehen, sehr weit. Es ging leicht bergab. Kilo­me­ter 21 habe ich nicht regis­triert, dafür das Vor­bei­hu­schen der 4:45-Hasen und das Vor­bei­hu­schen der Fünf-Stunden-Hasen und Andrés skep­ti­schen Blick.

 

Schlechte Stim­mung, miese Laune, Wut und Frust sind nicht ange­sagt. Betrof­fen­heit hin­ge­gen löst bei den Mit­men­schen weni­ger Unbe­ha­gen aus. Ins­be­son­dere, wenn sie mit einem geblüm­ten Lächeln ein­her­geht. Und so schön­re­den und dau­er­g­rin­sen sich viele durchs Leben, ein­ver­nehm­lich, nach­sich­tig und gedul­dig. Ich nehme mich da nicht raus. Anpassungsdruck.

Doch ich habe meine Pha­sen, da grollt es in mir so hef­tig, dass ich es trotz erheb­li­cher Anstren­gun­gen nicht zurück­hal­ten kann. Mit­un­ter brach mein Unmut auch in harm­lo­sen Situa­tio­nen her­vor. Die Emp­fän­ger muss­ten dann für Frust her­hal­ten, der ihnen gar nicht zustand.

So oder ähn­lich geht es jedoch vie­len Mit­men­schen. Zumin­dest situa­tiv. Die sozia­len Bezie­hun­gen sind in den wenigs­ten Fäl­len so wider­stands­fä­hig, dass sie Der­ar­ti­ges unbe­scha­det über­ste­hen. Vor allem im Wiederholungsfall.

Die Benimm-Industrie hat sich der Sache ange­nom­men und belie­fert die sozial Unan­ge­pass­ten mit Rat­schlagli­te­ra­tur, Super­vi­sio­nen und Mental-Coaching. Auch Lau­fen hat den Nim­bus, Ärger und Wut abzubauen.

Es kommt wohl drauf an. Ich hatte mich schon mehr­fach bei diver­sen Anzei­chen — z. B. Herz­ra­sen, Blut­hoch­druck, vor­ge­scho­be­ner Unter­kie­fer, schwei­ßige Hände — für ein Läuf­chen ent­schie­den. Doch nicht immer war es damit aus der Welt.

 

Ich hatte Jochen kurz dar­auf ver­wie­sen, dass mich seine Ein­stel­lung trotz der im Ansatz nach­voll­zieh­ba­ren Argu­mente krän­ken würde, und dass ich das Gespräch nun nicht mehr wei­ter fort­füh­ren wolle. Dann hatte ich der Kell­ne­rin ein Zei­chen gege­ben, um zu zah­len. Als ich auf die Straße trat, begann es zu regnen.

 

Ich hatte André ange­deu­tet, dass ich mit hef­ti­gen Miss­stim­mun­gen zu kämp­fen hätte, und dass er mich fortan allein lau­fen las­sen möge. Es dau­erte eine Weile, bis er ein­wil­ligte und sich der Fünf-Stunden-Hasen annahm. Am nächs­ten Ver­sor­gungs­stand stopfte ich mir eine Hand­voll Scho­ko­la­den­bruch in den Mund. Mir wurde übel.

 

Ich hatte ver­ges­sen zu erwäh­nen, dass ich Jochen, nach­dem er sein Pam­phlet zur Ehren­ret­tung der recht­schaf­fe­nen Mara­tho­nis been­det hatte, anraunzte, dass er sich seine Durch­lau­fideo­lo­gie inklu­sive Auf­wärm­pro­gramm rek­tal ein­füh­ren könne.

 

Ich hatte ver­nach­läs­sigt, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ich auf dem Weg nach Nova Huta zuneh­mend vor mich hin maulte. Als einige Meter vor uns ein Läu­fer die Absper­rung über­wand und das Ren­nen ca. 10 km abkür­zend in Gegen­rich­tung fort­führte, konnte ich einen Moment lang nicht mehr an mich hal­ten. Der Bur­sche wurde für mich zum Sinn­bild des zivi­len Unge­hor­sams. Er scherte sich nicht um Kon­ven­tio­nen, er lief sei­nen Mara­thon und der hatte eben genau an jener Stelle ein Wurmloch.

 

Im Inter­net dis­ku­tie­ren User dar­über, ob Läu­fer bes­sere Men­schen sind oder nicht. Ange­sichts der andau­ern­den Beweih­räu­che­rung über bewuss­te­res Leben, gesun­den Ehr­geiz, gestei­gerte Wider­stands­fä­hig­keit und Potenz, ewige Jugend, gutes Aus­se­hen etc. pp. kann es dem Lau­fen­den schon mal zu Kopf stei­gen, vor allem, wenn er sich gerade in einen Rausch gerannt hat. Die „Män­ner­ge­sund­heit“ setzt noch eins drauf und bewer­tet lau­fende Chefs als die besseren.

Das stinkt doch nach Mar­ke­ting­stra­te­gie. Läu­fer aller Cou­leur wer­den in einen Topf gewor­fen. Dort wer­den sie abwech­selnd mit Lob­hu­de­leien gestrei­chelt und mit mach­ba­rer Leis­tungs­op­ti­mie­rung gereizt. Mit Scheu­klap­pen aus Eli­tel­au­fe­quip­ment, Trai­nings­plä­nen und Es-geht-noch-schneller-Zeiten ren­nen sie dann an der Grenze zur Selbst­über­schät­zung durch die Gegend. Zumeist jedoch im Kreis. Und damit alle bei der Stange blei­ben, wer­den fort­wäh­rend irgendwo Mas­sen­lauf­pro­zes­sio­nen ver­an­stal­tet, die ganze Städte lahm legen.

Beim Erfur­ter Nacht­lauf zum Bei­spiel sieht man tau­sende Frauen und Män­ner in orange-weißen Funk­ti­ons­shirts mit Spon­so­ren­auf­druck ein-, zwei­mal um den Dom hasten.

Borgs? Schlim­mer! Sie las­sen sich die Assi­mi­la­tion bezah­len. 20 bzw. 25 Euro kos­tet der Spaß. Auch ich war Mit­läu­fer. Zwei­mal schon!

Bes­sere Men­schen? Bes­sere Chefs? Bes­sere Kon­su­men­ten? Da möchte man doch dazu gehören!

 

Dass es an Ver­pfle­gungs­stel­len aus­rei­chend Scho­ko­lade gibt, recht­fer­tigt keine cho­le­ri­sche Atta­cke. Genauso wenig wie Früh­lings­son­nen­schein, leich­ter Rücken­wind, applau­die­rende Zuschauer und ermun­ternde Mit­läu­fer. Zwei­fels­ohne, ich hatte die Fluch­phase erreicht.

 

Damit keine Miss­ver­ständ­nisse auf­kom­men, ich finde Warm­lau­fen und der­glei­chen schon wich­tig. Es muss halt pas­sen. Meine län­ge­ren Läufe sind jedoch so ange­legt, dass ich ins Ziel komme. Aus dem letz­ten Loch zu pfei­fen, ver­drießt mich dabei nicht wei­ter. Das ist Stan­dard bei meinesgleichen.

Ein kräf­te­zeh­ren­des Auf­wärm­trai­ning, inklu­sive Stret­ching und Ham­pel­mann, finde ich des­halb für mein Lauf­le­vel über­zo­gen. Und Warm­lau­fen ist kräf­te­zeh­rend, kör­per­lich wie nerv­lich. Für mich ist vor dem Start Ruhe ange­sagt, viel­leicht ein Toi­let­ten­gang, ansons­ten Ruhe.

Den­noch gehe ich nicht unbe­dacht ins Ren­nen. Natür­lich sollte man seine Kräfte ein­tei­len. Ent­schei­dend für den Aus­gang eines Laufs ist es aber auch, dass man sich auf die Stim­mungs­wech­sel ein­stellt. Was man sich anfangs von der Seele rennt, kann einen spä­ter mit Wucht aufs Gemüt schlagen.

Wäh­rend mei­ner Läufe unter­scheide ich mehr oder min­der fünf Pha­sen. Das erste Fünf­tel der Stre­cke ent­spricht in etwa der Ein­lauf­phase. Das ist mein Warm-up. Wenn die Beine rund­lau­fen und die Schweiß­ab­son­de­rung erträg­lich wird, folgt die Spaß­phase, die etwa zwei Fünf­tel der Stre­cke umfasst. Vor allem zum Ende die­ser Phase kön­nen Hoch– und Über­mut auf­tre­ten. Aber das gibt sich meis­tens. Zunächst zumindest.

Dann, mit nach­las­sen­der Kon­di­tion und diver­sen Lei­den, setzt die Fluch­phase ein, oft­mals beglei­tet durch lau­tes bizar­res Gebrab­bel und stoß­wei­ses Brül­len. Bei bes­se­rem Trai­nings­zu­stand ver­grimmt sich der Frust ins Innere, ver­stoff­wech­selt sich irgendwo und wird aus­ge­schwitzt. Wenn’s arg kommt, dau­ert die Fluch­phase bis zum Ende des Ren­nens. Arg kommt es jedoch nur sel­ten, zumeist ver­pufft der Groll mit der Zeit und geht in die Ziel­phase über. „Ziel­phase“ ist ein wenig irre­füh­rend, denn sie reicht über das Ziel hin­aus. Wesent­lich ist hier­bei die ver­mehrte Endor­phin­aus­schüt­tung. Bei aller Freude, Vor­sicht bei Ver­spre­chun­gen und Geschenken!

 

Wen­de­punkt! Ich lief wie­der Rich­tung Kra­kauer Alt­stadt, das heißt ich ging.

Mitt­ler­weile war ich gute vier Stun­den unter­wegs. Nach­dem André davon­ge­zo­gen war, hatte ich Zeit zum Grü­beln. Es war kein ego­zen­tri­sches Welt­schmerz­ge­heule, das mich befiel, son­dern Frust­grü­be­lei. Die Fluch­phase halt.

Anfangs war ich geneigt, zum Rund­um­schlag aus­zu­ho­len. Doch irgend­was hielt mich ab. Viel­leicht tröp­fel­ten ja schon die Endor­phine durch meine Syn­ap­sen. Viel­leicht waren es ja auch die Bedin­gun­gen: Scho­ko­lade, Sonne, Rücken­wind und all die gut­ge­laun­ten Weg­ge­fähr­ten. Und natür­lich die wohl­wol­len­den Zuschauer, selbst nach über vier Stun­den trö­te­ten und jubel­ten noch Leute am Straßenrand.

Viel­leicht, ach quatsch viel­leicht, ich ging nur bewuss­ter ran, öko­no­mi­scher. Warum die Frust­en­er­gie ver­geu­den wie Breit­ban­dan­ti­bio­tika? Letzt­end­lich las­sen sich nur die Dünn­häu­ti­gen ver­grau­len. Das Grob­zeug lässt sich davon kaum beein­dru­cken. Außer­dem, wenn alle was abbe­kom­men ohne Unter­schied, dann macht man auch kei­nen Unterschied.

Ich bin nicht André. André ist nicht Jochen. Wäh­rend es mei­ner Mara­thon­be­fä­hi­gung an all­ge­mei­ner Aner­ken­nung man­gelt, läuft André unter 4 Stun­den 15. Wobei er in Kra­kau dar­auf pfiff. Er hatte die Rolle des  Schritt­ma­chers und Was­ser­trä­gers über­nom­men. Es gibt Men­schen, die machen so was, ohne dar­über nach­zu­den­ken. Jochen hin­ge­gen? Jochen?

 

Am 14. April 2013 explo­dier­ten im Ziel­be­reich des Boston-Marathons zwei Bom­ben. Ver­letzte. Tote. Hin­ter­blie­bene. Angst. Trauer. Ohn­macht. Die Bil­der gin­gen durch die Medien.

Die Täter wur­den schnell gefun­den. Ein Gutes? Für wen?

Welt­weit hatte der Anschlag Wut und Ent­set­zen aus­ge­löst, aber auch Furcht vor wei­te­ren Anschlä­gen bei künf­ti­gen Sport­er­eig­nis­sen. Die Orga­ni­sa­to­ren hie­si­ger Lauf­ver­an­stal­tun­gen rea­gier­ten. Sicher­heits­kon­zepte wur­den über­dacht und über­ar­bei­tet. Obwohl jeder weiß, dass Sicher­heit trü­ge­risch ist.

Auch die Läu­fer soli­da­ri­sier­ten sich mit Opfern und Hin­ter­blie­be­nen. Bekennt­nisse wurde ver­öf­fent­licht, Gedenk­mi­nu­ten gehal­ten und Arm­bin­den in den Far­ben des Boston-Marathons getragen.

 

Einige Zuschauer brüll­ten zu mir rüber, andere zeig­ten lachend mit dem Fin­ger nach mir. Ein Hund kläffte mich an. Die Läu­fer in mei­ner Nähe grins­ten alle­samt. Ich hatte einen Schrei aus­ge­sto­ßen, tarzanlike.

Die Namen der Atten­tä­ter von Bos­ton waren mir ein­ge­fal­len. In Gedan­ken sah ich ihre Gesich­ter. Von den Opfern wusste ich nichts.

In der Presse skan­dier­ten sie, dass fortan die Angst mit­laufe. Ich ging in Leip­zig an den Start. Doch nie­mand in mei­ner Nähe zeigte Ängst­lich­keit oder Beden­ken bezüg­lich eines Anschlags. Es han­delte sich dabei aber weder um selbst­ge­fäl­lige Igno­ran­ten noch um mit­leid­lose Hasar­deure. Auch unter ihnen tru­gen einige schwarze bzw. blau-gelbe Arm­bin­den, um ihr Mit­ge­fühl mit den Opfern des Boston-Marathons zu bekun­den. Ansons­ten demons­trier­ten sie jedoch Freude und Span­nung und Leidenschaft.

Ich sah das so! Ich ver­stand das so! Die Wahr­neh­mung ist sub­jek­tiv. Die Presse ist unab­hän­gig. Sicher­heit ist trü­ge­risch. Ich hatte keine Angst, dass etwas pas­sie­ren könnte. Ich kenne auch nie­mand, der des­we­gen einen Lauf absagte. Bos­ton liegt auf der ande­ren Seite der Welt.

Mit dem Schrei begann ich wie­der zu lau­fen. Auch in Kra­kau wird es kei­nen Anschlag geben. Trotz­dem hatte ich plötz­lich Angst. Ich musste an Köln, Dort­mund, Nürn­berg, Kas­sel, Mün­chen, Ros­tock und Heil­bronn den­ken. Die Namen der Atten­tä­ter fie­len mir ein. Ich sah ihre Augen und all die Bil­der, die durch die Medien gin­gen. Die Opfer waren mir fremd.

Für einen Moment hatte ich Angst. In Polen. Vor Nazis. In Deutsch­land. Einen Schrei, einen Fluch hatte ich aus­ge­sto­ßen. Die Men­schen um mich herum hat­ten gelacht. Das machte es leichter.

 

Ich hatte das Ufer der Weich­sel erreicht. Noch sie­ben Kilo­me­ter, eine knappe Stunde also. Um die Füße vor dem Asphalt zu scho­nen, lief ich neben dem Rad­weg. Unter­halb von Fes­tung und Dra­chen­höhle hat­ten sich Kin­der in einer Reihe auf­ge­stellt, die uns Läu­fern ihre Hände zum Abklat­schen ent­ge­gen­streck­ten. Spa­zier­gän­ger blie­ben ste­hen, um uns vor­bei zu las­sen. Von einem Aus­flugs­damp­fer wink­ten die Gäste. Laub­bäume und Strom­mas­ten. Ein leich­ter erfri­schen­der Wind blies mir über die Weich­sel entgegen.

 

Läu­fer sind keine bes­se­ren Men­schen. Doch die Dis­kus­sion dar­über impli­ziert auch die Mög­lich­keit einer Fehl­ein­schät­zung. Zugleich ver­leiht die Äuße­rung ihren Ver­tre­tern Weit­sicht und Erha­ben­heit. Viel­leicht kochen wir des­halb den Sud immer wie­der auf.

Ich unter­drü­cke die Selbst­aus­kunft. Das Gewis­sen ist trü­ge­risch. Das Maß aller Dinge sowieso. Ich kenne die Täter. Von den Opfern weiß ich so gut wie nichts.

Angst. Scham. Ich flu­che. Ich weiß, dass ich bis zum Ziel durch­lau­fen werde. Ich weiß, warum ich mich nicht an die Opfer erin­nere. Es ist so ein­fach. Ich bin wütend. Ich laufe. Das befreit.

 

Ich war in die große Runde um das Kra­kauer Sta­dion ein­ge­bo­gen. Die Zuschauer an den Stra­ßen­rän­dern applau­dier­ten und wink­ten. Im Ziel­be­reich war­te­ten  Anne, André, Maria, Sven und die pol­ni­schen Freunde. Sie hat­ten mich zuerst gese­hen. Ihr Gekrei­sche trug mich durchs Ziel.

Ich hatte das Gefühl etwas Gro­ßes voll­bracht zu haben. Jochen kam mir in den Sinn. Mit­tel­fin­ger! Die Endor­phine mach­ten ganze Arbeit.

 

Lauf­ver­an­stal­tun­gen erlebe ich immer wie­der als gewalt­lo­ses, ver­bin­den­des und welt­of­fe­nes Hap­pe­ning. Da jauchzt meine Blu­men­kin­der­seele. Ich kann ein­fach nicht davon las­sen. Die Geschäf­te­ma­cher auch nicht.

Es gibt kein rich­ti­ges Leben im fal­schen. Der rote Faden liegt nicht allzu tief. Man muss nur graben.

Beim Erfur­ter Nacht­lauf werde ich wie­der dabei sein. Das orange-weiße Funk­ti­ons­läpp­chen werde ich mir jedoch nicht über­strei­fen. Meine Wer­be­brust ver­markte ich sel­ber. Start­geld gibt es auch nicht von mir. Das spende ich „lau­fend­hel­fen“. Und wenn sich jemand mokiert, das ist nur das Aufwärmprogramm!

Ziel­phase? Wohl nicht aufgepasst?

 

Fotos: Sven Wachsmuth

2 Kommentare zu “Der Fluch von Krakau

  1. Ein schö­ner Lauf­be­richt! Ich kann gut nach­voll­zie­hen was einem so alles vor, wäh­rend und mit Abstand nach einen “gro­ßen” Lauf im Kopf für Bil­der ablau­fen und was einen immer wie­der für The­men beschäf­ti­gen. Hoch­ach­tung vor der sport­li­chen und lite­ra­ri­schen Leis­tung.
    Freue mich schon heute auf einen neuen Artikel.

    Dein und nicht nur Lauf­freund aus Alt­glie­ni­cke.
    Micha

  2. … und Mann ist mit dabei. Es ist eine ehr­li­che Schil­de­rung der eige­nen Erleb­nisse, Gefühle und Ein­drü­cke auf einem hohen Niveau schrif­ti­cher Aus­drucks­form. Und Jochen kann nur sagen: Sorry, kein Respekt vor einer nicht Jeder­mann sport­li­chen Leis­tung, des­halb bist Du raus!

    Sven

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