Glatteis. Scham. Deutsche Superstars. Fettleber. Polarsturm. Argwohn. Schnupfen. Visakarte verloren. Einsamkeit. Lichtmangel. Knorpelschaden. Hass. Computerviren. Vergesslichkeit. Zweifel. Blähungen. Keller aufräumen. Pleite. Zahnschmerz. Menschenmassen … Stopp!
Meine Gedanken hatten sich einer Eigendynamik ergeben. An sich nichts Verwerfliches, doch momentan konstruierte mein Hirn ein Gespinst aus absurden, nicht nachvollziehbaren Ideen und Affekten. Apathisch starrte ich dabei aus dem Fenster meines kleinen Arbeitszimmers. Schneeflocken tanzten im Schein einer Straßenlaterne vorüber, keine Einzelfälle, vielmehr eine weiße außerirdische Invasion.
Es fiel mir schwer, zwischen Eigenproduktion und Beobachtung der Außenwelt zu unterscheiden. Zumal sich meine Gedanken anschickten, die Tagträumereien zu deuten. Interpretationen, die immer wieder meine missliche Stimmung versinnbildlichten. Meine Seele trug schwarz.
Ich spürte, dass es Zeit würde, gegenzusteuern. Wie von selbst hatte ich meine Sporttasche gegriffen und die Laufklamotten ausgepackt. Während ich die Schuhe anzog, überlegte ich, warum manche Läufer die Reinigung der Treter ablehnen würden. Klar ist der Dreck auf Laufschuhen ein sicherer Hinweis für deren Gebrauch. Doch Schmutz ist kein Solist. Bei Volksläufen bekommt man die Unsitte in den Umkleiden immer wieder auf die Nase geschmiert.
Fürchterlich! Ich ermahnte mich, etwas Anderes zu denken, etwas Erfreulicheres. Bier! Ich hatte Durst. Meine Lippen klebten.
Während ich aufstand, knackte mein linker Meniskus. Unweigerlich dachte ich an künstliche Kniegelenke und an die Heimeligkeit einer nahen Bierbar.
Schnee knirschte unter meinen Füßen. Es war kalt. Es war saukalt. Ich schnaufte und hustete.
Argwöhnisch scannte ich sämtliche Körperregionen nach sich anbahnenden Schmerzen und Missempfindungen. Ich lächelte. Entwarnung.
Bei der nahen Bierbar drehte ich Richtung Gispersleben ab. Meine Schritte waren lockerer geworden. Mein Atem ging ruhiger. Mir war warm. Ich hatte mir eine Handvoll Schnee gegriffen. Dass ich meine Handschuhe vergessen hatte, wäre kurz zuvor noch der Auslöser einer cholerische Selbstanklage gewesen. Doch jetzt rieb ich mir einfach die Finger mit dem kalten Pulver und gut.
Die intrinsische Schweinebestie hatte alles gegeben. Ich muss gestehen, die Kombination aus Kopfkino und Phlegma hatte mir schwer zu schaffen gemacht. Ihre wirkliche Heimtücke erkannte ich jedoch erst jetzt.
Seit drei Wochen hatte ich aufs Laufen verzichtet. Die ersten Tage eher unbedacht, Matschwetter, defekte Stirnlampe, Magengrummeln, Geburtstagsfete, egal, es findet sich immer ein Grund. Nach der ersten Woche fühlte ich mich schon etwas niedergeschlagen. Doch ich wusste, ein Läufchen und alles wäre wieder in Ordnung.
Plötzlich bedrängte mich jedoch ein Gedanke: Könnte ich nicht den Laufrausch durch einen verzögerten Wiedereinstieg verstärken? Das war natürlich Quatsch. Gut drauf ist gut drauf. Aber die Schweinebestie ritt mich schon mit Galopp in die Schwermut. Abstruse Fantasien, miese Laune und Argwohn setzten mir zu. Das war nicht schön. Zu allem Übel entwickelte ich eine Art Lust an der Verzweiflung. Ich redete mir ein, dass mich zwar jeder Tag, den ich bewegungslos verbrachte, tiefer in eine depressive Stimmung treiben würde, doch beim ersten Lauf würde ich mich umso befreiender herauskämpfen. Ein unglaublicher Kick. Ein unglaublicher Stuss.
Ich hatte in Höhe Kilianipark die Gera überquert und lief am anderen Ufer zurück zur Innenstadt. Vereinzelt segelten Schneeflocken durch die Luft, die Berührung mit meinem Atem machte ihnen sogleich den Garaus. Die Vergänglichkeit der Welt kam mir in den Sinn, konnte sich aber nicht halten. Während ich die Fußgängerbrücke über der Straße der Nationen passierte, versetzte mich die Silhouette des Erfurter Nordens in Erstaunen. Der frischgefallene Schnee hatte Wiesen, Wege und Straßen zwischen den Plattenbauten bedeckt. Die Lichter der Straßenlaternen, Scheinwerfer und Wohnungen wurden auf vielfältige Weise reflektiert. Nicht Tag. Nicht Nacht. Aber es war stiller als sonst.
Als ich am Nordbad vorbei lief, war ich für einen Augenblick allein. Der Park war menschenleer. Montagabend, es war noch nicht einmal halb sechs. Der Wind hatte angezogen. Das Krachen meiner Schritte verriet mir, dass es kälter geworden war. Die Sorgen der letzten Wochen hatten an Gewicht verloren, über einiges musste ich schmunzeln, anderes wollte ich beizeiten klären.
Nach und nach spürte ich die Anstrengung in den Knochen. Ich schwitzte. Dennoch erhöhte ich mein Tempo. Kälte und Wind waren meine Verbündeten.
Drei Wochen hatte mir die Schweinbestie den Winterblues gespielt. Auch heute war sie gut drauf gewesen. Das hat sie wohl nachlässig gemacht. Letztendlich verdanke ich ihr die entscheidende Eingebung.
Ein Gedicht kam mir in den Sinn und dass ich meiner Frau Blumen mitbringen könnte. Dann hatte ich den Eindruck, ich könnte mich beobachten. Ich sah mich durch den Nordpark laufen und vertraut einen mir unbekannten Jogger grüßen. Beide hatten wir die rechte Hand gehoben, als würden wir uns zuprosten. Wir lächelten einvernehmlich: Runner’s High on the rocks. Wohlsein!