„Unglaublich!“ quakte es rechts neben mir. „Im Mittel verbrenn‘n die alle um die zwölfhundert Kilokalorien. Das sind 5024 Kilojoule und das wiederum macht 1,4 Kilowattstunden.“
Ich drehte überrascht meinen Kopf in Richtung des Gesagten. Mein Nebenmann tippelte auf der Stelle, das heißt mit den Füßen auf dem Asphalt und mit den Daumen auf einem Kleinstcomputer. Aus seinem Ohr baumelte ein Kabel, an der rechten Wange klebte ein Mikro. Er hatte kurz aufgeschaut.
Sein fahles Gesicht war angespannt. Die Augen hatten sich in dunkle Höhlen zurückgezogen. „Genau!“, brüllte er, wieder auf den kleinen Bildschirm stierend. „Ca. fünfundzwanzigtausend Starter, das wären fünfunddreißigtausend Kilowattstunden.“
Der Typ tippelte unermüdlich weiter. Wir waren Block F‑Starter beim Berliner Halben. Obschon die Kenianer gerade los gelaufen waren, würde es bis zu unserem Start noch gute zwanzig Minuten dauern. Niemand in unserem Block vergeudete jetzt noch Kraft. Tarnung aufgeflogen!
Der kanadische Verteidigungsminister a. D. Paul Hellyer hatte im Januar dieses Jahres im russischen Fernsehen die Ankunft von Außerirdischen angekündigt. Ich hatte die Nachricht unter ‚Entertainment‘ verbucht. Das war wohl etwas vorschnell. Ich rückte meine Sonnenbrille zurecht. Ein Einsehen meinerseits war wohl angebracht.
Der Körperscan vor dem Start war nicht zufriedenstellend. Das rechte Fußgewölbe meldete sich mit leichtem Spannungsdruck, die linke Kniescheibe fühlte sich irgendwie taub an. Von der Rechts-Links-Symmetrie her betrachtet, war es ja weitgehend ausgeglichen, was mein hypochondrisches Über-Ich nicht davon abhielt, Versagensängste zu schüren.
Plötzlich überkam mich das Verlangen zu beten. Meine naturwissenschaftlich fundierte Weltsicht protestierte: Peinlich! Kleinmütig! Absurd! Das Verlangen duckte sich weg.
Inzwischen hatte ein Sprecher die Startzählerei anmoderiert. Die meisten in meiner Umgebung folgten freudig der Anordnung. Nach der „Eins“ jubelte die Masse und setzte sich in Bewegung.
Mein linkes Knie zitterte. Ich schlug ein Kreuz. Der Außerirdische neben mir sah mich kurz an und grinste, als würde er mir beipflichten. Gedankenblitz: Gott wohnt im Weltall!
Ich war wieder auf Droge. Nur ein paar Schritte reichten und das mulmige Alltagsgefühl verflüchtigte sich. Geil! Bei Massenlaufveranstaltungen schienen die Endorphine noch stärker zu rauschen als sonst. Das würde auch manches erklären.
Bei Kilometer vier, zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule, sah ich die ersten Läufer an den Streckenrand humpeln. Ich schlug allen inneren Protesten zum Trotz noch einmal ein Kreuz. Wenige Schritte vor mir hatte sich der Außerirdische eingereiht. Sein Handcomputer blinkte am rechten Oberarm. Er war also auf Empfang.
Paul Hellyer warnte die Weltbevölkerung, dass die Außerirdischen es nicht gut heißen würden, dass sie ihren Heimatplaneten zerstören. Er machte aber auch Hoffnung, dass die außerirdischen Geschöpfe mehrheitlich bereit wären, den Menschen zu helfen.
Ich sah meinen Vordermann plötzlich in einem anderen Licht. Er hatte genickt. Meine Missempfindungen waren verschwunden.
Die Sonne strahlte, als würden wir ihr zu Ehren laufen. Es war schon auffällig. Ende März gefühlte 25 Grad Celsius und am Himmel kaum ein Wölkchen. Irgendwie atypisch für unsere Breiten. Dazu eine sanft-kühle Brise, die einen stets dann streifte, wenn die Erhitzung zu groß wurde. Insbesondere die Knie erhielten so eine angenehme Kühlung.
Zufall? Im vorangegangenen Jahr soll das Wetter ähnlich gewesen sein. Zweimal Zufall?
Unsere Spezies hat bekanntlich ein Faible für gewagte Experimente. Die Liste der Katastrophen ist grausig lang. Wobei vieles noch am Köcheln ist. Auch beim Wetter hält sich der Mensch nicht zurück. Schon immer träumen Vertreter unserer Art, die Naturgewalten zu beherrschen. Das Motiv ist allseits bekannt.
Doch trotz jahrhundertelanger Forschung bleibt das Wetter wie’s Wetter. Die menschliche Genialität brachte immerhin Regenschirm und Sonnenbrille hervor.
Wettermanipulation ist kein Brezelbacken. Unserer Art fehlt bislang das Know-how. Die Sonne muss demnach jemand anderes geputzt haben. Mir fielen nur die üblichen Verdächtigen ein: die Allmächtigen und die Außerirdischen. Bitter! Nicht?
Ich hatte die Wendemarke erreicht. Die Zwischenzeit? Welche Zwischenzeit? Mir ging es gut! Mir ging es saugut!
Rechts und links der Strecke drängten sich tausende Schaulustige. Viele hatten Schilder und Transparente für ihre laufenden Angehörigen dabei. Aber auch alle anderen Läufer wurden angefeuert. Kinder streckten ihre Hände zum Abklatschen aus. Trommelgruppen, Panflötisten, Cheerleader, Jazzer und Rockmusiker wechselten sich ab. Keine Macht den Griesgrämigen!
Neben mir lief eine zwei Meter große Plastikbierflasche. Sie klatschte rhythmisch in die Hände und rief irgendwelche Motivationssprüche á la „Wir schaffen das!“. Wiederholt drängten sich Läufer in ihre Nähe, um sich mit der Flasche zu fotografieren bzw. fotografieren zu lassen.
Ich spürte, wie sich die Haut auf meiner Stirn kräuselte. Wir-schaffen-das hat den Friedensnobelpreis gewonnen. Ich schweife ab.
Ich kenne eigentlich keinen, der die Unendlichkeit des Universums in Frage stellt. Als Erklärung dafür wird gern der Umstand genannt, dass, wenn es Grenzen gäbe, dahinter irgendetwas sein müsse. Aber vielleicht ist es wie mit dem Leben, es geht zu Ende und gut.
Ich weiß, dass manche wissen, dass das mit der Endlichkeit des menschlichen Lebens so nicht stimmt. Sei es, wie es sei! Aber wenn, wäre es doch auch möglich, dass ich nach meinem Ableben gar nicht in Gottes Reich einziehe, sondern in einem intergalaktischen Weltraumbahnhofswartesaal auftauche. Wo ich warten muss. Allein. Ich gehe mal davon aus, niemand in den unendlichen Weiten anzutreffen. Obwohl, Zeit wäre ja.
Je nach der Form meiner Weiterexistenz hänge ich da dann rum. Eine Ewigkeit fürs Erste. So lange ich an nichts denke, wäre mir das egal. Doch irgendeine Beeinflussung – von denen es im Unendlichen höchstwahrscheinlich unendlich viele gibt – bewirkt, dass mir bewusst wird, dass das so unendlich weitergehen wird. Unendlich später grüble ich noch immer darüber nach. Selbst das unsensibelsten Wesen würde da wohl irgendwann Langeweile verspüren.
In jenem Moment würden mir all die tollen Fernseher im Weltraumbahnhofswartesaal auffallen und es würde keine Ewigkeit vergehen, bis mir klar wäre, was man mit Fernsehern macht. Vielleicht würde dabei auch eine verkramte Erinnerung an mein irdisches Dasein mitmischen. Egal! Auf jeden Fall würde ich in eine Glotze glotzen.
Imaginäre Eventualitäten sollen ja im Diesseits eine wesentliche Rolle spielen, im Jenseits muss man jedoch stets mit ihrer gestalterischen Brisanz rechnen. So würde es mich keinesfalls verwundern, dass im Fernsehen gerade ein Livemitschnitt des Berliner Halbmarathons 2014 liefe. Komisch würde ich wahrscheinlich finden, was die da machen. Tausende Menschen traben ergriffen einen Berliner Boulevard entlang. An den Straßenrändern haben sich ebenfalls tausende Menschen eingefunden, die ihnen zujubeln. Aus der kosmischen Perspektive würde ich es wahrscheinlich für eine Art Prozession mit kultischem Charakter halten.
Ich hatte die Wilhelmstraße passiert. Bis zum Ziel waren es noch gute drei Kilometer. Im Läuferfeld war vermehrt Keuchen und Pumpen zu vernehmen statt laufseligen Geplänkels. Einige mussten kürzer treten. Ich hatte Glück. Drei Kreuze an wen auch immer.
Dann dachte ich wieder an meine jenseitige Existenz, an mein posthumanes Weltraumbahnhofswartesaaldasein: Abhängen und Glotze glotzen. Und weil es ja mein Hirngespinst war, erschien plötzlich mein Gesicht auf der Mattscheibe.
Obwohl man bekanntlich in der Unendlichkeit mit allem rechnen muss, wäre ich konsterniert. Ich würde mich dabei beobachten, wie ich über 21,1 Kilometer einem nordischen Energieriesen huldige, einen narzisstischem Weltuntergangsbeschleuniger auf Mehrwertbasis.
Viele hätten in vergleichbaren Situationen den Kontakt zu sich abgebrochen. Doch ich hätte auf eine Entschuldigung oder eine Rechtfertigung von mir gedrängt. Ich wäre auf die besagte Erde geeilt und hätte mich zur Rede gestellt.
Mein Vordermann war abrupt stehen geblieben. Ich nicht. Eine gemeinsame Bodenberührung konnten wir unter Anstrengung vermeiden. Nach Schmusekurs war mir nicht gerade. Doch er drückte mir einen Luftballon in die Hand. Mein Zorn verpuffte.
Ich brauchte einen Moment, bis ich merkte, dass der Ballon das Logo des Titelsponsors trug. Unwillkürlich reichte ich ihn an ein Kind am Straßenrand weiter. Schuldig!
Ein paar Turbulenzen in der Unendlichkeit können hier auf Erden schon ziemlich viel Chaos anrichten. Woher hätte ich denn ahnen sollen, dass der nette ältere Mann mich gar nicht kennt, und die für mich bestimmten Informationen überall breittratscht?
Das klingt jetzt vielleicht etwas abstrus. Aber wer hätte mir denn sonst geglaubt. Däniken? Sarrazin?
Na klar hätte ich noch einen Versuch gestartet. Ich wäre an den Start gekommen und hätte meine Nähe gesucht.
In der Friedrichstraße wartete Micha mit Wasser auf mich. Katja und Elke klatschten mich ab. Ein paar Schritte neben mir lief der Außerirdische. Ich dachte kurz daran, ihn anzusprechen. Vielleicht könnten wir Freunde werden und gemeinsam die Welt retten.
Der Typ hatte sich überraschend zu mir gedreht.
„Warum das hier?“ stöhnte er völlig ausgepowert.
Ich zuckte kurz mit den Schultern.
„Spaß?“ griente ich.
Plötzlich kam mir der Gedanke, ob der Titelsponsor nicht doch am Wetterrad gedreht hatte. An Geld und Gier wird es wohl nicht mangeln. Aber irgendwie konnte ich mir das nicht vorstellen.
Ich hatte noch genug Kraft für einen Schlussspurt. Nach der letzten Kurve machte ich ernst. Die Zuschauer johlten. Während ich über die rote Matte trabte, überkam mich so ein Gefühl, als würde irgendetwas mir die Energie absaugen.
Sicher ist das alles nur Einbildung, genauso wie der Glaube an Allmächtige und Außerirdische. Aber dann blieb uns nur der unbändige menschliche Wille. Mein Gott!
Hallo Sig, danke für die tolle Erlebnisgeschichte vom Berliner-HM 2014. Es ist schon komisch was einen beim Lauf, egal ob Training oder Wettkampf, alles durch die Birne geht.
Wir sind gerade auf der Heimfahrt nach Berlin, voll der Erlebnisse vom gestrigen Marathon in meiner Heimatstadt Erfurt. Klasse Sache habt ihr da auf die Beine gestellt und souverän durch gezogen.
Du wirst es mir sicher nicht glauben, trotz der Markierungssucherei und das ist ganz und gar keine Kritik, hatte ich ein Weihnachtslied im Ohr. Mitten im August. Es war auf einmal da, am Petersberg. Woher? Keine Ahnung. Gefühlte 22 Grad, Sonne und noch immer August. Verloren habe ich es erst im Steigerwald, an der steilen Wand von.…..kann mich dann erst wieder an das Schild Fuchsfarm erinnern.
Ihr seid ’ne tolle Truppe. Du bist ein klasse Typ der prima sortiert seine Gedanken zu Papier bringt. Macht weiter so und bis bald mal wieder, bei uns oder bei euch.
Die drei Berliner Sabine, Andreas und iche