Gute 2900 Läufer drängten sich auf dem Apelsberger Sportplatz in Neuhaus. Die meisten wiegten ihren Oberkörper freudig erregt im Schneewalzerrhythmus. Bei einigen war jedoch unterschwellig ein wenig Verärgerung zu vernehmen. Es lag keineswegs an der Geringschätzung der Koschat-Schnulze. Die Abfolge der Musikauswahl wurde moniert. Schließlich befanden wir uns im Thüringer Kernland.
Zwar hallte das Rennsteiglied bereits, von guten 2899 Kehlen lauthals und fast fehlerfrei intoniert, durch den Thüringer Wald, doch die Organisatoren hatten vor dem Start zum 41. GutsMuths-Rennsteiglauf den Schneewalzer anstimmen lassen. Der protokollarische Lapsus wurde mit Traditionspflege begründet.
Mir war der Sängerstreit eigentlich egal. Das kommerzielle Volksmusikgedudel hatte ich aus meiner Lebenswelt verbannt. Null-Toleranz!
Ich machte solange ein paar Bildchen von den Laufverrückten aus aller Welt und der Umgebung. Dann war die Schneewalze Geschichte, die Laufmeute zählte gellend von zehn rückwärts und Frau Taubert schoss in die Luft.
Bedächtig setzte sich der Tross in Bewegung. Der Startbereich erlaubte nur einen dosierten Durchlauf. Außer den üblichen Sekundenfuchsern nahmen das die Meisten jedoch gelassen hin.
Mir war es recht. Ich fühlte mich nicht in der Verfassung, die 43,5 Kilometer mit einem Spurt zu beginnen. Also ließ ich mich von der Masse Richtung Start schieben. Obendrein war ich nervös.
Unwillkürlich dachte ich an Stürze und Knieschmerzen und Schneefall und Graupelschauer und, daran dass ich meine Einlegesohlen vergessen hatte. Ich lief quasi auf den blanken Mittelsohlen.
Nur mit Mühe konnte ich die Bilder von aufgeplatzten Blutblasen und entzündeten Hühneraugen aus meinem Kopf verscheuchen. Mit Mühe und einer Marotte aus Kindheitstagen. Als ich die rote Zeitmessermatte überschritt, begann ich laut zu singen: „Diesen Weg auf den Höhen bin ich oft gegangen …“
Meine nächsten Mitläufer sahen mich kurz an, grinsten als wäre ich der Offenbarer und hakten sich bei mir unter. So schunkelten wir uns zu dritt, das Rennsteiglied trällernd, die Ernst-Thälmann-Straße hinauf. Und die Menschen um uns herum, Läufer wie Zaungäste, waren uns zugetan.
Trotz meiner Volksmusikintoleranz sind mir Text und Melodie des Rennsteiglieds bekannt. Ich bin in Thüringen geboren. Das Lied habe ich öfter gehört als beide deutsche Nationalhymnen zusammen. Das muss man hier auch nicht extra lernen, das verinnerlicht sich ganz nebenher. Ob man will oder nicht. Irgendwann erwischt man sich dabei, es zu singen.
Während ich in die Rennsteigstraße bog, meine Begleiter hatten sich derweil von mir gelöst, summte ich es immer noch vor mich hin. Und es machte mir nicht mal etwas aus.
Von Neuhaus ging es dann einige Kilometer auf der B 281 Richtung Steinheid. Die Straße bog sich durch scheinbar undurchdringliche Fichtenbestände. Eintraben war angesagt. Meine Abneigung gegen Menschenmassen war kurzerhand verflogen. Ich fühlte mich wohl zwischen all den Leuten, die das schönste Ziel der Welt anpeilten.
Der Läuferpulk hatte sich inzwischen unüberschaubar auseinander gezogen. Die Ambitionierten waren fort. Uneinholbar. Aber das traf auf kühle Schultern bei meinen Weggefährten und mir. Einvernehmlich hatten wir uns unserem Lauftempo entsprechend in den Tross eingereiht. Kaum jemand wurde noch überholt, und wenn, ging alles ohne Geschiebe und Gerangel vonstatten. Es wurde höflich gebeten und gewährt.
Auch sonst war es stiller geworden. Die Schritte der Läufer klangen, als würde ein heftiger Landregen auf den Asphalt treffen. Ich gab mich dem monotonen Rhythmus hin und blickte andächtig in die Wipfel der Fichten. Meine Gedanken folgten ohne Wiederkehr.
Bevor meine Wahrnehmung endgültig auf Autopilot schaltete, holte mich eine schrille Stimme auf den Asphalt zurück. Eine redselige Frau in den sogenannten besten Jahren erläuterte ihrer Begleiterin und allen Anwesenden im mittleren Umfeld ihre Laufkarriere. Hochtönig.
Ich wollte weghören. Doch so sehr ich mich auch wieder auf Schritte und Fichten zu konzentrieren versuchte, irgendein Sensor schaltete zurück.
Es sei ihr dritter Marathon, wusste sie zu berichten. Und sie fühle sich besser denn je. Das Laufseminar in den bayrischen Alpen sei jeden Cent wert gewesen. Ansonsten laufe sie aber lieber Halbmarathon. Und dann folgten eine Reihe Orte, wo sie bereits antrat bzw. die sie noch in Angriff nehmen wollte.
Dann hatten sich die Sportsfrau nebst Freundin aus meinem Wahrnehmungsbereich verabschiedet. Ich fühlte mich, wie aus einem Mittagsschlaf gerissen. Ich zählte meine Schritte, sah in die Fichten, doch die Lockerheit kehrte nicht zurück.
Fünfzig Meter weiter war die erste Getränkestelle. Sandwieschen. Wasser!
Von dort bogen wir von der Straße auf einen Waldweg. Zwei Musikanten hatten sich an der Biegung mit Akkordeon und Tuba postiert und spielten wie auf Bestellung das Hohelied des Höhenwegs. Meine Lippen summten wie von selbst: „Diesen Weg auf den Höhen …“
Das war’s endgültig mit Ruhe. In meinem Kopf jodelte das Herbert-Roth-Ensemble. Was zunächst noch spaßig war, nervte zunehmend. Ich versuchte mit anderen Liedern, die ich vor mich hin brummte, die Endlosschleife zu stoppen. Doch die Rennsteig-Schnulze blieb präsent. Zudem musste ich wieder an die redselige Läuferin denken.
Von wegen „die Gedanken sind frei“. Bei mir reichte offensichtlich bereits eine volkstümliche Schnulze oder eine nervige Stimme und schon war ich nicht mehr Herr meiner Sinne.
Diese Erkenntnis gab mir kurz das Gefühl, dass meine Gedanken nicht vollkommen fremd gehen würden. Ich hatte die Sache schließlich durchschaut. Aber das war auch die Crux! Ich erkannte die Manipulation meiner Gedanken schließlich mit meinen manipulierten Gedanken.
Die verdrießlichen Eingebungen als fremdbestimmt zu verstehen, war nicht weiter schwierig. Bei meinen individuellen Einstellungen und meinen persönlichen Vorlieben wollte mir dieser Gedanke jedoch überhaupt nicht gefallen. Während sich der Seelenmüll locker als Folge äußerer Einflüsse erklären ließ, war ich bezüglich Kreativität, Intelligenz und Geschmack schon der Auffassung, dass mein Mist der Bodensatz dafür war.
Und doch lief letztendlich alles darauf hinaus, dass ich gefallen wollte, dass ich verstanden werden wollte, dass ich mitmachen durfte. Ich orientierte mich am Zeitgeist. Selbst meine scheinbar obskursten Gedanken waren nur Output infolge Inputs. Abklatsch, dein Name ist Sid.
Ich hatte den Dreistromstein hinter mir gelassen. Die Waldwege waren schmaler und steiniger geworden. Dichte, dunklere Fichtenbestände wurden von kleinen Lichtungen abgelöst.
Nach einer kurzen Steigung war ich plötzlich allein. Ich wollte die Gelegenheit nutzen, meinen Flüssigkeitshaushalt zu regulieren, als mir bewusst wurde, dass ich genau an dieser Stelle auch beim vorjährigen Rennsteiglauf in gleicher Absicht pausierte.
Ich postierte mich also am Baum der Erleichterung und brummte unwillkürlich vor mich hin: „An dies’m Platz auf den Höhen hab ich schon mal g‘standen, die andern rannten vorüb’r. Bin ich weit in der Welt …“
Unvermittelt applaudierte es vom Weg herüber. Ich bedankte mich kleinlaut und sang weiter. Höchst peinlich! Aber was sollte ich machen? Erde bzw. Wald wollten mich nicht verschlingen. Deshalb breite Brust!
Die Umdichtung des Rennsteiglieds strotzte nicht gerade vor Originalität. Trotzdem setzte es sich in meinem Kopf fest. Zudem tauchte in meinen Gedanken wieder die schrille Sportsfrau auf, wie sie ihrer Lauffreundin erklärte, dass das Rennsteiglied schon lange einer Erneuerung bedürfe und dass meine Neuinterpretation genau zur rechten Zeit käme.
Erst mal weiter rennen, dachte ich. Das geht vorüber. Meine Gedanken hatten scheinbar so etwas wie einen kreativen Schub. Wobei mir Ursache und Intention dieses Schöpfungsprozesses vollkommen schleierhaft waren. Zudem beunruhigte mich die egozentrische Beweihräucherung. Ich versuchte mir in der Rolle einer schnippischen Tippelzicke einzureden, dass die spontane Verballhornung des Rennsteiglieds eine gesellschaftliche Relevanz besäße.
Genau, klopfte es von Innen an meine Frontalplatte, und die bekannte Tippelzicke begann zu referieren, dass Ironie und Satire immer wichtig wären, wenn Personen, Gegenstände, Texte, Lieder usw. Kultstatus erlangen würden, denn aus Kulten würden schnell Denkschablonen mit allumfassendem Wahrheits- und Glücksanspruch. Die Tippelzicke nervte.
In einem Gedankenexperiment ließ ich das Rennsteiglied zur offiziellen Nationalhymne des Freistaats Thüringen erklären. Ich sah, wie sich die Mitglieder des Landtags nach dem entsprechenden Beschluss spontan erhoben und parteiübergreifend das Rennsteiglied schmetterten mit erhobener Faust oder Hand auf dem Herzen je nach Fasson. Dann malte ich mir aus, wie Thüringer Athleten bei internationalen Sportveranstaltungen das Treppchen bestiegen und beim Ertönen des Rennsteigliedes mit bebenden Lippen ein, zwei Tränen weinten. Ich dachte an kulturelle Großveranstaltungen und Staatsbesuche, Veranstaltungen halt, wo Nationalhymnen stets ergeben intoniert werden. Und plötzlich tauchten hunderte Menschen mit beigen Westen und Rucksäcken vor meinem inneren Auge auf, die, ihre Wanderstöcke schwingend, die deutschlandweite Senfpflicht für die Thüringer Rostbratwurst forderten.
Stopp, dachte ich. Da begann es hinter mir zu poltern. Ich schaute mich um und sah einen riesigen Thüringer Kloß auf mich zu walzen.
„Ups!“ Die Tippelzicke hatte mich am Arm gegriffen und mit einem kurzen Ruck wieder ins Gleichgewicht gebracht. Ein überfälliger Sekundenfuchser war rüde an mir vorbei gesprungen.
Der Hohlweg zwischen Ersteberg und Schwalbenhauptwiese ist zweifellos der malerischste Abschnitt des Rennsteigmarathons. Der abenteuerlichste ist er aber auch. Zwischen den Wurzeln der Fichten geht es etwa zwölfhundert Meter eine abschüssige Auswaschung hinab. Moosbewachsene Äste. Schmierige Steine. Rinnsale und schlammige Pfützen. Ca. 120 Meter Höhendifferenz. Da ist Respekt geboten, vor allem, wenn man bereits 22 km in den Knochen hat.
Ich war, den imaginären Kloß im Nacken, in die Hohle geschwenkt, als mich ein „Vorsicht, Entschuldigung!“ aus dem Tritt brachte. Eine heikle Angelegenheit.
Wer hier überholt, geht Risiko. Ein Risiko, das sich zumindest bei unserem Laufniveau nur durch ein erhebliches Defizit bei der Selbsteinschätzung erklären lässt.
Obwohl der Troll bereits genug gestraft schien, war ich nicht Willens, ihm zu verzeihen. Ich wünschte ihm das Rennsteiglied an den Hals. Endlosschleife, versteht sich.
Nach der Hohle, an der Triniusbaude gab es wieder Futter. Hier fand ich auch Gelegenheit, mich bei der Tippelzicke zu bedanken. Mit Bananenecken und Tee bestückt, waren wir ein paar Schritte gegangen.
Sie hieß Ingrid, war knapp eins sechzig und hatte einen weizenblonden Bob mit veilchenblauen Strähnen. Ihr Stirnband war pink. Ein Hingucker. Aus größerer Entfernung hätte man sie ohne weiteres auf Fünfundzwanzig schätzen können, aus der Nähe betrachtet war man dann doch etwas überrascht. Ich sag mal: Dreißig plus.
Ingrid plapperte ununterbrochen. Nachdem sie sich kurz über den Drängler echauffiert hatte, brachte sie ihre Freude über die vielen „coolen Maratonis und Maratinas“, die sie heute schon kennen gelernt hatte, zum Ausdruck. In meinen Gedanken schallte es „Shut up, Trulla!“
Ich wollte nicht mehr Tippelzicke denken. Ich wollte nicht mehr Trulla denken. Doch mein Hirn spielte sein eigenes Stück: Blaue Strähnen, rosa Stirnband, schrille Stimme, Laufcamp in den bayrischen Alpen.
Wer ohne Flausen ist, werfe den ersten Stein! Ich war ein großkotziger Wurm.
Denn Ingrid hatte es drauf. Sie hatte ihre Krise erwähnt und dass sie sich mit Laufen wieder gefangen habe. Was sie arbeitete, weiß ich nicht mehr genau, irgendwas bei einer Krankenkasse. Das war es aber nicht, was sie müde gemacht hatte. Weil sie keine eigenen Kinder bekommen konnte, hatten sie und ihr Mann zwei Pflegekinder in Obhut genommen. Zudem half sie beim Ortsverein mit, vor allem Chor und Laufgruppe. Manche packen halt an.
Eines Tages blieb sie dann einfach im Bett. Es kam schleichend. Erschöpfungsdepression. Nicht der ganz große Burnout, aber schon grenzwertig. Familie und Freunde machten ihr wieder Beine, wie sie es nannte. Nachdem sie sich wieder hochgewurschtelt hatte, schenkten sie ihr einen Kuraufenthalt in den bayrischen Alpen inklusive Laufseminar und Marathonvorbereitung. Genau, das schnieke rosa Stirnband war ein Glücksbringer von ihrer Pflegetochter.
Wir waren ein paar Meter gemeinsam auf der Straße Richtung Kahlert gelaufen. Schweigend. Es ging bergauf, nicht steil, aber stet. Ich hatte mich für den Gang über die Wiese entschieden. Sie blieb auf dem Asphalt. Irgendwann war sie weg.
Ein paar Regentropfen fielen mir ins Gesicht. Es war diesig. Der große Guss blieb bislang aus. Im Vorfeld gab es verschiedene Unwetterwarnungen. Von Schnee, Eisregen und Sturm war die Rede. Das machte den Lauf eigentlich noch reizvoller. Heldenphantasien. Nur gut, dass es nicht dazu kam. Es reichte so schon. Der Waldboden war zum Teil aufgeweicht. Meine Beine wurden zunehmend schwerer. Vor allem bei Anstiegen. Und die häuften sich.
Meine Füße hingegen nahmen ihre Bürde ergeben hin. So ohne Einlegesohlen hatte ich mit quälenden Übeln gerechnet. Doch davor hatte ich Ruhe. Vorerst zumindest.
Abrupt musste ich daran denken, dass mich das Rennsteiglied schon eine geraume Zeit verschont gelassen hatte. Ich stellte mir vor, wie es den Drängler derweil nach Schmiedefeld hetzte, da jaulte es auch schon wieder in meinen Gehirnwindungen. Der Klassiker!
Unwillkürlich brummte ich es vor mich hin. Strategiewechsel! Wegdenken funktionierte sowieso nicht. Vielleicht half Gelassenheit. Und dann setzte ich nach: Ich lachte darüber.
Die mediale Diktatur ist weder unfehlbar noch übermächtig. Keine Frage, die Massengehirnwäsche ist ungemein vielseitig. Zudem gibt es kaum Lebensbereiche, wo sie außen vor bleibt. Selbst auf öffentlichen Toiletten hängen Werbeplakate, liegen Flyer und laufen Radioprogramme. Doch die Empfangsgeräte werden nach wie vor mit Abschaltfunktion produziert und es wird noch Gebrauch davon gemacht. Noch!
Die Wissenschaft versucht indes auch andere Wege zu gehen. Hirnforschung statt Hirnwäsche. Doch trotz aller Erfolge, die Ortung des Bewusstseins im Gehirn scheiterte bislang.
Der Eigenwille des Menschen bleibt ein nicht beherrschbares Risiko für die Potentaten. Viele Menschen werden sich auch weiterhin nicht unterordnen, einschüchtern und verblöden lassen. Weil das die Ordnung stört bzw. stören könnte, will man sie näher beleuchten. Der Blick in die Kulturgeschichte zeigt, dass Spitzeln und Schnüffeln lange Tradition hat. Die Hightech-Rechner machen die allumfassende Überwachung aber erst möglich.
Kahlert. Ein Polizist hatte mich über die Straße gewinkt. Noch knapp drei Kilometer bis Neustadt, erst zum Tannengrund hinab und dann wieder aufwärts zur Festwiese, dem höchsten Punkt im Ort. Dort war Party angesagt. Volksmusik, halbe Liter und Anfeuerung.
Zwei Drittel der Strecke waren geschafft. Gern hätte ich die Biereinladung eines Zaungasts wahrgenommen, zog dann aber Tee und Wasser vor. Und Haferschleim, die Thüringer Antwort auf den Hammermann.
Während ich am Schleimstand herumalberte, war mein Blick am Sanitätszelt hängen geblieben. Eingewickelt in eine dicke graue Wolldecke saß davor ein Läufer. Allein. Gedankenversunken. Ich wollte hinüber gehen und ihm tröstend auf die Schulter klopfen.
Nachdem ich einen Schritt in seine Richtung gemacht hatte, trafen sich unsere Blicke. Unmerklich schüttelte er seinen Kopf und forderte mich mit eindeutiger Geste auf, weiterzulaufen.
Ich verstand. Er wollte keinen Trost. Jetzt nicht.
Ein kleiner, ca. fünfjähriger Junge hatte mich bis zum Ortsausgangsschild von Neuhaus begleitet. Ununterbrochen hatte er dabei auf einer Vuvuzela geblasen. Ich war froh, als er mir alles Gute wünschte und umkehrte.
Der zurückgebliebene Läufer ging mir nicht aus dem Sinn. Nach neunundzwanzig Kilometern nicht mehr weiter zu können, muss bitter sein. Er wirkte wie der Freizeitläufer schlechthin: Um die Vierzig, eins fünfundsiebzig, Normalgewicht. Einen Marathon zu bewältigen, hieß für ihn an die Grenzen zu gehen. Schon lange vor dem Lauf. Drei- bis viermal Training die Woche, mindestens ein halbes Jahr. Neben Familie und Arbeit und was weiß ich noch. Dann Schmerzen hier und da und Angst vor Schmerzen und Angst zu Scheitern und Zweifel am Sinn des Ganzen. Allein, sich immer wieder zu motivieren ist grenzwertig. Und dann die Laufvorbereitung. Lange Läufe und kurze. Intervalltraining. Gewichtskontrolle. Bier und Süßes in Maßen. Und die Laufpause vorm Start.
Aus! Alles aus! Nach neunundzwanzig Kilometern.
Hinter den Bergwiesen von Neustadt ging es mal wieder aufwärts. Der Burgberg, ca. 55 Höhenmeter auf einen Kilometer. Ein Wanderparadies. Zwischen Fichten schlängelt sich der Waldweg steil bis auf 811 Meter. Doch ich hatte kein Auge für die Landschaft. Meine Oberschenkel brannten. Zügiger Schritt, mehr war nicht drin.
Nach einer kurzen Senke folgte das waldige Hochmoor „Morast“. Mit 838 Meter die höchste Erhebung der zweiten Hälfte des Rennsteigmarathons. Ich biss die Zähne zusammen. Mehr will ich dazu nicht sagen.
Ich verstand den Mann vorm Sanitätszelt. Ich verstand ihn nicht! Niemand kann ihn verstehen. Es ist seine Bestimmung. Er hat entschieden. All die Gedanken, die mir zu ihm in den Sinn kamen, entsprangen meiner Vorstellung. Was maßte ich mir eigentlich an, für ihn zu denken bzw. zu sprechen?
Was uns andersseitig nervt, entspricht zumeist unseren eigenen Instinkten, heißt es. Ich regte mich auf, dass man meine Gedanken ausschnüffelt, manipuliert und zumüllt. Aber unaufgefordert für andere zu reden, nahm ich mir heraus. Nicht nur unaufgefordert, sondern auch unreflektiert, einem profit- und fortschrittshörigen Leistungsdiktat entsprechend.
Überspannt? Wohl kaum! Neunundzwanzig Kilometer sind eine großartige Leistung. Aber ich will jetzt nicht die Umkehrung deklamieren. Das wäre genauso blasiert. Letztendlich ist es nur ein Lauf. Bei allem Ärger um das Nichterreichen des Ziels, mag es auch das Schönste der Welt sein, ist es doch nicht mehr als ein Schritt in unserem Leben. Und nicht einmal ein wegweisender. Da gibt es bedeutendere.
Klar laufe ich gern, sonst wäre ich nicht hier, und ich möchte, wenn möglich, auch laufend an meine Grenzen gehen, aber verdammt, ich will mich nicht verrennen. Ideale entstehen nicht in unseren Köpfen. Sie werden uns eingeimpft. Schneller laufen. Weiter laufen. Gut und schön. Aber nicht zum Selbstzweck!
„Ach?“ meldete sich Ingrid in meinen Gedanken.
„Ja! Ach?“ antworte ich.
Der Laufkult hatte sich durch meine Gehirn gefressen und mit verstaubten väterlichen Erziehungshilfen a lá „Geht nicht, gibt’s nicht!“, „Wenn du etwas angefangen hast, mach es auch zu Ende!“, „Von nichts kommt nichts!“ usw. verkuppelt. Aber auch modernere Losungen, wie „Neid musst du dir erarbeiten, Mitleid bekommst du geschenkt!“, passten ihm bestens in den Kram.
Immer wieder überkamen mich Gewissensbisse, wenn ich ein paar Tage mit Joggen aussetzte. Nach dem Verzehr von Bier, Schokolade, Eis oder ähnlichen Freudenspendern träumte ich von Kalorientabellen. Und jedes Zwicken in Knien oder Fußgelenken löste bei mir hypochondrische Phantasien aus, die durchweg darin gipfelten, dass es bald vorbei sein würde mit der Lauferei. Der Läuferhorror schlechthin.
So oder so, es kommt sowieso. Glücklich, wer noch ein anderes Leben hat. Und da fiel mir einiges ein. Ich bin glücklich!
Ich möchte mit dem Läufer in der grauen Decke nicht tauschen. Ich möchte auch nicht mit einem der Spitzenläufer oder mit wem auch immer tauschen. Tauschen ist keine Option. Ergo, ich muss mich akzeptieren mit allen Individualitäten. Ratschlagfibel 0/8/15. Was soll’s! Nicht alles, was abgedroschen klingt, ist für die Katz. Kling, klong!
Für mich hieß das, es lagen noch knappe zehn Kilometer an, inklusive brennender Oberschenkel, Schwielen und Blasen. Doch wenn es nicht mehr weiter gehen würde, würde ich „Stopp!“ sagen und aussteigen. Genau Mann im grauen Umhang, das ist selbstbestimmt! Chapeau!
Die Waldbaude am Dreiherrenstein hatte ich ohne Rast hinter mir gelassen. Wieder im Gehölz entschied ich mich zu gehen. Zumindest bei Anstiegen.
Und ich entschied mich zu singen. Das Rennsteiglied. Was sonst! Der Junge mit der Vuvuzela tauchte neben mir auf, und Ingrid, der Typ mit der grauen Decke, jede Menge Wandersleute sowie Herbert Roth mit Klampfe und seiner Waltraut. Als ich mich umschaute, sah ich eine Rostbratwurst mit Senfhäubchen auf einem Thüringer Kloß hinter uns her reiten.
Während ich darauf etwas ungläubig den Kopf schüttelte, fiel mir der gelbe Chip an meinem Schuh auf. Was würde wohl der großer Bruder jetzt von mir denken?
Jeder weiß, dass sie unsere Daten sammeln. Deshalb gibt es doch Computer. Und jeder weiß, was sie damit machen: Sie berechnen unsere Ängste, füttern unsere Konsumgier, erpressen Politiker in aller Welt, veröffentlichen Geheimnisse und Peinlichkeiten von denen, die sich zur Wehr setzen. Wir haben uns daran gewöhnt. Wer sich nichts zu Schulden kommen lässt, braucht nichts zu befürchten. He, die Hände bleiben oben!
Vermeintlich ist das zu einseitig. Überwachung und Datenspeicherung dienen dem Wohl der Menschheit, z. B. bei der Verbrechens- und Terrorbekämpfung und natürlich bei der Erforschung einer verlässlichen Glückskonstante für alle Menschen, beteuern die Jünger des Total Controllings.
Ich musste grinsen. Der Junge mit der Vuvuzela hatte mir zugezwinkert: „Weißt du, wir sind unsichtbar für sie.“ Ich nickte.
Lächerlich. Den gelben Chip besaß ich mittlerweile sechs Jahre. Dazu kommen Kredit- und Gesundheitskarte, Handy, Notebook, Homepage, E‑Mail-Adressen, Steuererklärung, Personalakte, Einwohnermeldeamt, Volkszählung, Stasiakte, Adressenhändler, Schufa, Amazon, Facebook, Google, öffentliche und private Überwachungskameras und dieser Blog und was weiß ich noch alles, doch was sie auch sammeln und speichern und analysieren und rekonstruieren, es wird immer nur ein Abklatsch von mir sein. Ich bin das Original.
Klar werde ich manipuliert. Das ist auch gut so! Liebe wäre sonst ein durchweg berechenbares Phänomen, ergo keine Liebe. Da bin ich auch wehrlos.
Ansonsten bin ich der König in meinem Kopf. Zudem besetze ich auch alle wichtigen und weniger wichtigen Ämter bis hin zum Chillout-Master. Nichts mit Gewaltenteilung. Deshalb muss ich meinen Gedankenpalast auch selber sauber halten und verteidigen. Aber ich streite nicht allein und meine Verbündeten sind nicht nur von dieser Welt.
Wenn ich an die Neurotechnokraten denke, die unerbittlich versuchen das Bewusstsein in unseren Gehirnen zu orten, kriege ich einen Hals. Egal, was sie auch schönreden, Größenwahn ist ihr Triebmittel. Wenn sie das Zentrum unserer Weltdeutung erst mal angezapft haben, werden sie dort auch die Regie übernehmen wollen. Uns wird das dann wahrscheinlich nicht mehr interessieren. Wir werden die Matrix lieben.
Aber Schluss mit dem Weltverschwörungspalaver. Der Überwachungswahn ist doch der sicherste Beweis, dass es bei der Erforschung des Gehirns Unwägbarkeiten gibt. Die individuellen Denkprozesse sind eben weder zu lokalisieren noch sind diese berechenbar. Vor allem, wenn die Gedanken aus der Reihe tanzen.
Ich hatte den Hard-Rock-Hügel erklommen, dem letzten merklichen Anstieg vor Schmiedefeld. Der ansonsten volksmusikhörige Rennsteig wartete an dieser Stelle mit harten Beats auf. Rock’n’Roll-Doping. Doch kurz darauf war wieder Ruhe im Wald.
Ich war glücklich. Es lief. Noch einen Anstieg musste ich nehmen: Die berüchtigte Zugabe des Rennsteigmarathons. Vorher ging es jedoch hinunter. Jeder Schritt eine Offenbarung. Meine Oberschenkel schmerzten. Für nichts auf der Welt würde ich dieses Gefühl eintauschen wollen.
Schmiedefeld. Meine heimlichen Begleiter jubelten, als ich die 42,195 km-Marke überschritten hatte. Bis zum Schönsten Ziel der Welt waren es aber noch gute 1300 Meter. Die Freunde hatten sich, als ich die Bahnhofstraße entlang trabte, noch einmal an meine Seite gedrängt. Der Junge mit der Vuvuzela blies zur Attacke, während die Wandersleute ein Spalier bildeten. Der Mann mit dem grauem Umhang drückte mir seine Hand auf die Schulter. „Lauf Forrest, lauf!“ witzelte er mir ins Ohr. Ohne Gruß blieb er zurück.
Ingrid tauchte in der Menge auf und plapperte aufgeregt in meine Richtung. Ihre Stimme überschlug sich dabei. Ich verstand kein Wort. Indes war die Rostbratwurst abgestiegen. Der Thüringer Kloß hatte angesichts des letzten Anstiegs schlapp gemacht.
Auf 1000 Metern waren noch einmal fast 100 Höhenmeter zu bewältigen. Ich wollte den Kumpel auf dem letzten Stück nicht hängen lassen. Deshalb rollte ich das Thüringer Wahrzeichen unter größter Anstrengung die Ruppachstraße zum Schmiedefelder Stadion empor. Irgendwie hatte ich den Eindruck, dass niemand etwas davon bemerkt hatte. Zumindest staunen hätte doch jemand gemusst.
Nachdem ich in die Stadionrunde gebogen war, löste sich der Kloß urplötzlich auf. Beinahe wäre ich gestürzt. Auch die anderen waren verschwunden. Herbert Roth hatte abschließend noch einmal in die Saiten gehauen und mir zugerufen: „Danke für den Tanz!“
Am 25.05.2013, um 14:54 Uhr Ortszeit, wurde mir auf dem Sportplatz von Schmiedefeld der Rennsteigorden am weiß-roten Bande verliehen. Nachdem ich daraufhin das Festzelt betrat, hatte ich eine Eingebung: „Diesen Weg auf den Höhen…“
Großartig! Thüringer Kloß und alle anderen phantastischen Wegbegleiter liegen vorerst in meinem Erinnerungsfenster. Wie zäher, angebrannter Brei in minderwertig beschichteter Pfanne. Bevor ich acrylamitlastig aufstoße bin ich froh über Deine Ingrids und Graudeckler. Sie haben dich voran gebracht, angetrieben. Die Strippe gezogen, die an einer zeitlos schönen Panoramakamera hängt.
Die Gedanken sind frei… manipuliert…! Jedoch die Gedankengliederung und ‑wiederkehr machen sie freier denn je. Als Etwas von Dir.
Somit kann das Erinnerungsfenster in konstant größer werdenden Pixeln schließlich geschlossen werden.
Ich bin entzückt.